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Gedichte

  

Ozean, du letzte
Zuflucht der Natur,
Unsere gehetzte
Zeit beendest nur

Du mit deinen Wellen,
Deinem Stillesein,
Deine tiefsten Stellen
Bleiben von uns rein,

Doch zu deinen Flächen,
Gleich ob wild, ob still,
Dringen, dich zu brechen,

Aus den Flüssen immer
Weiter unser Müll,
Unsre Plastiktrümmer.

 


Bäume!

Bäume, eure Äste will ich spüren,
Wenn ihr schlank sie in die Höhe streckt,
Und auch euer Stamm kann mich verführen;
Wie beneide ich den Specht doch, steckt

Er den Schnabel schnell in eure Rinde,
Wie das Eichhörnchen, das ich so wild
Oft in euren zarten Zweigen finde,
Die es ständig zu erobern gilt;

Bäume, eure Wurzeln will ich küssen,
Wo sie aus der feuchten Erde ragen,
Bis sie ganz darin verschwinden müssen;

Eure Blätter will ich sanft berühren
Und an euren runden Früchten nagen,
Bäume, eure Äste will ich spüren!

 


Carpe diem

Der Schnee des Frühlings liegt auf vielen Wiesen:
Der Pappelschnee;
Die Blüten, die die Winde zu dir bliesen,
Sind weich wie je.
 
Nun spür die neue Wärme, riech den Flieder,
Hör Vogelsang
Und leg dich auf die weichen Blüten nieder;
Sie sind nicht lang!

 


Der Plan von der privaten Autobahn
                                                              
  Für B.B.

Minister Schäuble, Gabriel
Und Dobrindt wollten planen
(Sie machten daraus keinen Hehl):
Private Autobahnen.
 
Zwar gibt es jetzt auch mal zu mal
Privatisierte Stücke,
Doch fürs private Kapital
Bleibt eine große Lücke.
 
So kommt’s zu einer Kommission
Mit Fratzscher an der Spitze,
Dort warten auf die Wirtschaft schon
Reichlich Beratersitze.
 
Gleich naht die klamme Allianz
Und fordert milde Gaben,
Sie will die Straßen gar nicht ganz,
Will nur Gebühren haben.
 
Daneben wankt die Deutsche Bank,
Auch sie braucht dringend Bares,
Und warnt: „Der Staat ist völlig blank,
Wir Banken sind da Wahres.“
 
Da rufen Bürger voller Kraft:
„Ihr habt Euch ja verschworen!
Und nennt es auch noch Partnerschaft,
Obwohl der Staat verloren.“
 
Drauf ein Minister schnell erklärt:
„Das Schlimme wird vermieden,
Denn Autobahnen sind viel wert.“
So hat er dann beschieden:

Das oben, was ein jeder sieht,
Darf nur der Staat betreiben –
Doch der Private gibt Kredit
Und Partner soll er bleiben,

Und still beteiligt kann er sein
Und Tochterfirmen kriegen.
Da rufen Bürgerinnen: „Nein!
Beim Staat muss alles liegen!“

 


¡No pasarán!
                Für Pablo Neruda

"Durch euer Opfer
Ward wiedergeboren
Verlorener Glaube":

So ist es doch
Süß fürs Vaterland
Zu sterben?

Die Friedvollen
Kommen wieder
Nicht durch!

Wie aber können
Wir Krieglosen,
Mit nichts im Herzen,

Wie können wir
Große Gesänge
Erschaffen,

Die unsere Freude:
Die Freude des Friedens
Bewahren?

  


Lesbos, Lampedusa

Wer hat dich großes Meer mit Tod gefüllt?
Wer lagert in den nächsten vollen Booten?
Zehn junge Männer, eine Frau, verhüllt,
Zwei Mädchen zählen bald schon zu den Toten.

Wer wird durch diese viele Toten reich,
Wer bleibt es hinter seinen Stacheldrähten?
Den Sicheren sind ihre Grenzen gleich,
Doch warum auch die daran Hingemähten?

Wie lang das Sterben noch, bis endlich sich
Die Menschen ihrer Menschlichkeit besinnen
Und eine schützendere Zeit beginnen?

So viele fragen furchtsam: „Wer schützt mich
Vor all den Kommenden und ihren Nöten?“
Wohl wissend, dieses Zögern lässt auch töten.

 


Zur Feier

Du, von deinen Trieben übermannter:
Mann, auch du kannst deine Willenskraft
Nutzen; Lust ist ein zu dir gesandter
Gott, der keine Rechte dir verschafft,

Er verpflichtet dich, ihn anzubeten
Und bloß manchmal langsam deinen Blick
Anzuheben und zu senken; treten
Dir der Venus Boten ins Geschick,

Sei nicht, der du bist: du sollst dich bessern!
Ja ich weiß, im Angesicht des Schönen
Ist das Bessern wie ein Fülln von Fässern

Ohne Boden und in seiner Spur
Möchtest gleich du blicken – fassen – stöhnen –
Bleibe stark: auch das ist die Natur.

 


Kalte Stunde

Wände sind da. Wände. Um ein Zimmer.
Täglich enden Menschen im Büro.
Manchmal leiden sie am Rechnerschimmer,
Sinnend: Arbeit war nicht immer so!

Früher: Weite auf den kahlen Feldern!
Von der Winterkälte ausgezehrt
Schleppten Bäuerinnen Holz aus Wäldern,
Bis es lang genug ihr Feuer nährt.

Früher: Freier ohne die Maschinen!
Bauern hatten dümmeres Gerät,
Pflügten langsam und mit harten Mienen,

Um dem Boden später bei der Fron
Zu entreißen, was sie ausgesät,
Sinnend: So war Arbeit war immer schon.

 


Volkspark

Auch das der Park: die tiefen Abfalltonnen
Und Leute, die sie jeden Morgen leeren
Und die, was aus den Tonnen ausgeronnen
Und auf den Wiesen liegt, zusammenkehren.

Auch das der Park: wo Zigarettenkippen
Den märchenhaften Brunnen überhäufen
Und wo von diesem Laster freie Lippen
Verzerrt sind von gehetzten Dauerläufen.

Seine Besucher kann der Park nicht wählen,
Selbst wenn er jene gerne sanfter hätte,
Die seine weihevollen Wiesen quälen;

Er steht auch dem, der ausgestoßen, offen
Wie dem, der ohne feste Ruhestätte:
In ihm darf jeder Mensch auf Bessres hoffen.

 


Wiedergeburt

Am Morgen scheint der Teich voll Leichenflecken:
Er leidet an der ruhenden Fontäne
Und seine ausgekühlte Haut bedecken
Von Weiden abgeworfne Blätterspäne.

Da rettet ihn das plötzliche Erwachen
Des Motors in der Tiefe seiner Mitte;
Erst wenige, dann tausend Tropfen machen
Sich auf und richten ihre feuchte Bitte

Zum Himmel – doch sie stürzen übernander,
Weil ihres Bittens Kräfte nicht lang reichen.
Es bleiben: weiße, wandernde Mäander

Und Rauschen, das des Teiches große Stille
Verbirgt; wenn noch die letzten Flecken weichen,
Erkennt im Wasser sich der Lebenswille.

 


Die leidenden Elemente

Auch in technikdurchwebter
Welt überlebt noch der Wind:
Weit in die Höhe strebt er,
Wo keine Windräder sind.

Dort trifft er auf die Sonne,
Die ihrer Zelle entschlich,
Regen erzählt von der Tonne,
Der er so mühsam entwich.

Wie aber soll die Erde
Ihrer Versieglung entfliehn?
Sie beschützt keine Gebärde,
Wenn sie die Bagger ziehn.

 


Der Zorn des Einsamen

Sprecht nur in Telefone
Fern übertragenes Glück,
Schließlich seid ihr doch ohne
Wirkliches Gegenstück;

Blickt bloß auf eure Geräte:
Keines wird bei euch sein,
Wenn erst die Stunde, die späte
Kommt, seid ihr ganz allein;

Sendet ihr auch eure Texte
Durch ein weltweites Netz,
Gilt doch das alte, verhexte
Einsamkeitsgesetz!

 


Ach, ein vom Werben befreites
Sein bewahrte die Wahl;
Nun gibt es immer ein Zweites,
Das uns die Ruhe stahl,

Nun gibt es stets ein Fächeln
An unsrer schwindenden Glut:
Schönheit und Fleisch und Lächeln
Scheinen so nah und so gut,

Scheinen – doch was erreicht uns
Von dem beworbenen Glück?
All das Betörende weicht uns
Aus und lässt leer zurück.

 


Geleit

Nimm nur ein Buch in die Hand:
Schon bist du schön!
Noch der geringste Band
Wird dich erhöhn;

Lies einfach, was dir gefällt,
Gern ein Gedicht,
Alles, was Schrift enthält,
Gibt dir Gewicht;

Fürchte die Mühe nicht,
Die dich beim Lesen trifft,
Bis das Ziel naht;

Meide das künstliche Licht
Hinter der falschen Schrift
Im Apparat.

 


Gesang eines Fahrrads

Ich bin von den Maschinen
Die freieste der Welt,
Muss nur dem Menschen dienen,
Der mich am Lenker hält.

Mich bindet keine Straße
An des Asphalts Gestalt:
Mit meinem eigenen Maße
Durchquer ich Stadt und Wald.

Dreh, Nabe, dich im Rade,
Bis jede Speiche schweigt,
Zum Glück des Schnellen lade
Den ein, der auf mich steigt.

Bloß fürcht ich, euch zu fassen,
Ihr Scherben von Berlin,
Ihr lasst die leeren Massen
Aus meinen Mänteln fliehn.

 


An meinen Schleier

Du sollst mich vor den falschen Blicken schützen,
Die sich auf einer frommen Frau nicht schicken,
Doch wenn die Männer weiter auf mich blicken,
Kann auch dein schwacher Schutz mir nicht mehr nützen.

Du müsstest erst die falschen Hirne ändern,
Die diese falschen Blicke zu mir senden,
Und alle falschen Herzen müsstest wenden
Statt nur dich auszuruhn auf meinen Rändern.

Mein teures Tuch! Ich würde gerne glauben,
Du könntest alle Männer endlich normen
Und ihnen ihre starken Sinne rauben

Ich bleibe schön, auch wenn du mich versteckst,
Durch deine Unform treten meine Formen:
Und jeder weiß genau, was du verdeckst.

 


Morgensegen

Nichts,
Auch kein Gedicht mehr,
Soll aus dir sprießen des
Tages;

Wag es:
Tauch ein ins Lichtmeer,
Koste das Fließen des
Lichts.

 


Dämmerung

„Ein paar große Männer“: litten
Die andern denn nicht?
Litten nicht tief genug?
Müssen erst Hirne verbluten,
Müssen die Frauen verschwinden,
Müssen noch Götter zurückkehrn,
Dass endlich der abend-
Ländische Geist
Seinen Frieden feiert?

Ach, diese Bücher
Schreibenden Übermenschen!
Ach, diese Dichter!
Auch sie
Suchen das Glück,
Auch sie
Trauern um sich,
Auch sie
Folgen der Macht.

 


Canis lupus occidentalis

Er tötet gern
Präzis und schnell
Und ohne Schaum vorm Munde;
Andere Hunde,
Die weniger guten,
Lassen mit Schaum und Gebell
Ihr Opfer verbluten.

 


Écrasez l’infâme!

Mein neues Stück vom Meuchler Mahome
t
Ist fertig, Majestät: Wie Religion,
Und seine erst, die Menschen hintergeht,
Hab ich gezeigt; ein Teufel war er schon!

Sie müssen heute wehren, Majestät,
Dass Fanatismus Menschen bis zum Mord
An andren Menschen treibt; wehrt man zu spät,
Geht solches Morden lange Zeit noch fort.

Ich hörte schon von Ihrem großen Sieg
In Schlesien, Majestät. Die Welt erfährt,
Was aufgeklärte Herrschaft ist: Ihr Krieg
Ist jeden einzelnen Gefallnen wert!

 


Sapere aude

Wenn die Maschine den Pfad
Zu allen Zielen erspürt,
Bis jedes Ziel, wenn es naht,
Nur zur Maschine hin führt;

Oder wenn dummes Gerät
Immer den Lauf vorbestimmt
Und man sich später – zu spät –
Seiner Bestimmung besinnt:
Lang sind die Pfade dann, lang
Dauert die ziellose Zeit
Mit ihrem falschen Gesang.

Sind wir zu suchen denn noch,
Sind wir zu finden bereit?
Menschliches hilft uns doch!
 

Ich höre keinen Laut aus deinem Munde,
Er lächelt immer gleich und stumm und gut;
Von deinen Lippen niemals eine Kunde,
Als dass ihr schöner Bogen schwingt und ruht...

Doch wie soll ich die Worte deiner Wangen
Nicht hören, die mich bitten, ihnen nah
Zu sein? Dein Haar, dein Hals, dein Arm verlangen
Berührungen von mir, seit ich sie sah;

Wie soll ich die Befehle deiner Brüste
Verweigern? Meinen Händen sagen sie:
Den Wellen eurer Lust sind wir die Küste!

Ich weiß, die schlechten Worte und Befehle
Sind nicht von dir gekommen, kamen nie;
Dich anzusehn hab ich kein Recht: Ich stehle.

 


Revolution

Ihr Zornigen,
Verachtet die Sanften nicht:
Nur Zorn kann das Gute
Zum Bösen wenden.

Ihr Tätigen,
Bekehrt keinen Sinnenden:
Die große Tat
Bringt Gletscher zum Schmelzen.

Lasset uns ruhen.

 


Diskothek

Schönes: und Schlimmes beginnt.
Des Lebens geordneter Schein
Verdunkelt und zuckt.

Voll Lust ist die Luft,
Voll Freude, doch halber nur,
Voll Tönen, doch lauten nur.

Menschen bewegen sich gerne
Gemeinsam gegeneinander
In Lagerhallen des Glücks.

Wann finden sie sich,
Wann einmal die nötige Ruhe,
Wann endlich die ganze Freude?

 


Staubsauger

Du kennst keinen Schmutz,
Mein Kind,
Rein ist dir jeder Griff,
Freund jeder Krümel.

Ich aber weiß,
Was Schmutz ist,
Spüre ihn auf für dich
Und sammle ihn.

 


Ermunterung

Sagen auch die andern:
"Dieses Herz ist tot",
Hör nicht auf zu wandern,
Du kennst deine Not!

Ja! Dein Herz bewegt sich!
Armut: du erschrickst,
Wissen: es erregt dich,
Schönheit: und du blickst.

 


Horaz

Ach hättest du nur
Den kleinen Frieden gepriesen,
Und nicht die Herrschaft,
Die ihn mit Kriegen sichert.

 


Baumschule

Wenn dich kein Baum überragt,
Geh auf die Suche!
Hör, was die Linde sagt,
Hör auf die Buche!

Fichte und Tannenbaum
Weisen dich leise,
Eiche und Ahorn sind kaum
Weniger weise.

Lerne von Stamm und Ast:
Werde schwerer!
Doch auch im leichten Zweig hast
Du einen Lehrer.

Lerne von jedem Blatt
Kleine Formen
Und was die Krone hat:
Glück des Enormen.

Sieh, so vieles verfällt:
Winterwüten,
Dann sieh der Frühlingswelt
Triebe und Blüten.

Rieche den Herbstwind, er treibt
Blätterschauer,
Fühle die Rinde, sie schreibt:
„Ich bin die Dauer.“

 


Einem neuen Menschen

Am Anfang brauchst du noch
Der Mutter warme Brust,
Des Vaters tiefe Stimme.
Dann wächst dein Wunsch,
Von allen Gittern,
Von allen Gurten,
Von allen Griffen
Dich zu lösen.
Sei frei:
Doch nie vergiss,
Wie du zum Menschen wirst!

(E. gewidmet)

 


Eremit

Die Wüste fehlt
Dir
Und den anderen.
So lebst du nur sorgsam
Auserwählte
Teile des Lebens:
Niemals ein Haus erbauen!
Niemals ein Haus zerstören!
Keiner
jeder soll dir folgen
Ins Heiligtum
Deiner Gedanken.

 


Celan

Das uneingenommene Herz
Wägt dort seine Rätsel:
Die Festung der Verse
Ruht unangreifbar
Auf Felsen des Leides
Hoch über den Ebnen des Worts.

 


Winterende

Die Vögel feiern. Oft beginnt ein Baum.
Mit seiner Blüte bringt er gern zur Neige,
Was lange war: der enge, kalte Raum,
Die Dunkelheit, der Schmutz, die kahlen Zweige.

Die Sonne scheint. Und schon so lang und stark,
Dass Leidende im Freien leicht genesen:
Sie strömen endlich wieder in den Park,
Der brunnenlos und blumenlos gewesen.

Nichts zeugt mehr von der hässlichen, der Zeit;
Die frisch gebornen Kinder dürfen glauben,
Die Erde sei zum Schönen nur bereit,

Und dieses eine, dieses eine Mal
Kann kein Bewusstsein ihren Frühling rauben.
Der Winter wird erst später ihre Qual.

 


Fontäne

Die Fallhöhe steigern,
Fallen.

 


Berührungen! Erniedrigend, erhaben
Zieht mich die Haut der Unberührten an.
So viele Körper bieten ihre Gaben...
Wo ist der Mensch, der widerstehen kann?

Berührungen! Gewagte, ungewagte:
So vieles Schöne bleibt mir unerlangt;
Doch wer noch nie zurückschrak, nie verzagte,
Kennt dessen Freude nicht, der liebt und bangt.

Berührungen! Bezahlte, unbezahlte:
Mein Körper unterscheidet nicht genau.
Die Hure wärmt wie jede andre Frau.

Ach wenn nur eine alle überstrahlte
Mit ihrem Schein, mit ihrer Prächtigkeit,
Ich wäre von der Last der Zahl befreit.

 


Die Nacht

Die Sonne: nur für kurze Zeit noch hier,
Dann wird sie mich für eine Nacht verlassen,
Und erst ihr Wiederkehren lässt bei mir
Die Angst vor ihrer Ferne ganz verblassen.

Was wohl die Sonne in der Nacht erlebt?
Wie kann sie all die Dunkelheit erhellen?
Auch sie weiß: ihren Strahlen widerstrebt
Die Welt mit ihren vielen kalten Stellen.

Die Sonne leuchtet ohne mich – für mich!
Damit die Menschen alle wärmer werden,
Ihr Leid gelindert, schwächer die Beschwerden.

Den meisten bleibt die Wärme äußerlich;
Nur wenige sind warm von ganz alleine
Und hoffen doch, dass stets die Sonne scheine.

 


Herbstmorgen

Die Grashalme sind
Noch alle ganz weiß,
Die Sonne beginnt
Den Kampf mit dem Eis.

Ein Baum überragt
Den nebligen See:
Da steh ich, verzagt,
Erwarte den Schnee.

 


Trost

Wein! für die Weinenden:
Rettet sie nicht!
Doch in den scheinenden
Gläsern zerbricht

Etwas vom schweren
Traurigkeitsstein
In den sonst leeren
Herzen und Sein

(Kann sie nicht retten!).
Leichter wohl fallen
Sie in die Betten:

Immer noch Weinende!
Aber in allen
Dauert das Scheinende.

 


Shakespeare

Die schönen Frauen scheinen nur Gefäße,
In denen stumm die Rose Schönheit ruht,
Denn keine ist, in der die Zeit nicht fräße
Das schönheitspendende: das junge Blut.

Verliert das Blut die jugendliche Fülle,
Verdunkeln auch die Blüten bald ihr Rot.
Die Rose ruht noch in der alten Hülle,
Die trocknen Blätter aber sind schon tot.

Für jede Rose, die so kurz gedeiht,
Bis ihre Frische und ihr Glanz entschweben,
Beginnt gleich eine andere zu glänzen,

Doch bleiben alle dem Verfall geweiht...
Dein Vers lässt keine dieser Rosen leben,
Du windest nur die trockenen zu Kränzen.

 


Nemesis

Dem Göttlichen in seinen gröbsten Formen
Kann ich nichts Feineres entgegensetzen,
Es kann mein dünn gewebtes Netz aus Normen
Mit einem mühelosen Schlag zerfetzen.

Da sitze ich: Maschine vor Maschine,
Und kann den Blick nicht von den Bildern lösen,
Die Lust begräbt mich unter der Lawine
Aus Schultern, Schenkeln, Brüsten, Ärschen, Mösen...

Doch welche Schulden muss ich hier begleichen?
Wer setzte meinem Glück die kurze Frist
Und machte einen Armen aus dem Reichen?

Erinnyen! Sie geben zu verstehen,
Dass Aphrodites Apfel faulig ist
Und Schönheit: ihre Rache, mein Vergehen!

 


Märchenbrunnen

Die Tiere wachen achtsam um das Rund,
In dem die Frösche ihre Spiele treiben
Und eine Welt beginnt, wo ohne Grund,
Der klar und sicher ist, die Menschen bleiben.

In diese Welt geht es in Stufen rein,
Die rauschend abwärts in die Tiefe reichen…
Die Wirklichkeit vermischt sich mit dem Schein,
Bis Menschen Tieren, Tiere Menschen gleichen.

In dieser Welt kann alles möglich sein,
Kann Wasser auch die Stufen aufwärts fließen,
Der Frosch ein Prinz sein und das Wasser Wein.

Dort kann sogar mit Glück und Kraft und List,
Wenn sich die Quellen dieser Scheinwelt schließen,
Am Ende siegen, was das Gute ist.

 


Helfen tröstet
Den Helfenden nicht.
Wissen treibt Wissende
In das entsetztere Sein.
Wäre das Schöne
Nicht, wir wären
Verzweifelte.

 


Sonnenaufgang

Am Himmel erscheint dein Gesicht:
In den lang dunkel gebliebenen
Mischt sich ein wachsendes Licht
Und macht die Nacht zur Getriebenen.

 


Der Unerreichbare

Wohin er geht: ein waches Telefon
Begleitet seine durchgeplanten Gänge,
Bis keine Stille bleibt, die nicht ein Ton
Von dem Gerät mit einem mal zersänge.

Was wird dann aus den Zweisamkeiten, was
Verbürgt das Abgeschiedne der Gespräche,
Muss jeder Sprechende doch bangen, dass
Plötzlich ein ferner Dritter unterbräche.

Auch in die letzte Einsamkeit dringt noch
Die Nachricht, eine Nachricht treffe ein,
Die den Vereinsamten erreichte. Doch

Was kann ihn noch erreichen? Ihn erhört
Schon keine Stille mehr, kein Einsamsein,
Er wird von keiner Zweisamkeit betört.

 


Wir, die unendlich
Berührungsbedürftigen,
Wir, die oft herrlich
Vereinsamtes Fleisch sind,
Wollen das Tiefere
Denken und leben,
Das über Berührungen,
Über das Fleischsein
Erhaben uns scheint.

 


An die Tiere

Tiere, ihr wisst es nicht:
Wir spenden auch unser Blut,
Unsre Organe, unseren Samen,
Andere Menschen zu nähren, zu retten, zu zeugen.
Der Mensch, das tiefste
Der Tiere braucht
Euer Ei, eure Milch,
Euer Fleisch, euer Leben.
Ihr leidet für uns,
Doch wisset, ihr Mittiere:
Wir leiden auch!
Tiere, vergebt uns
Unsere Schuld.

 


Baudelaire

Im Schönen liegt die Seligkeit begraben,
Nie können wir sie ihrem Grab entreißen,
Wir können nur am Grabstein Freude haben,
Und diesen wird die Zeit bald auch verschleißen.

Die Welt: ein Friedhof voller Totenschlummer,
Wo seligere Zeiten erst beginnen,
Wenn sich die Menschen statt auf ihren Kummer
Auf das, was schön an ihnen ist, besinnen.

Doch wem ist heute noch der Friedhof heilig?
Es kommen Leute, bloß um ihn zu schänden!
Wie viele ziehen irritiert und eilig

Durch ihn hindurch und können nicht dort bleiben –
Sie wollten, aber ihre Wünsche enden
An den Alltäglichkeiten, die sie treiben.

 


Wo deine Hand ist, will auch meine sein
Und sich mit ihr zu einem Fleisch verbinden.
Nur wo ist deine Hand? Wie soll ich dein
Entferntsein nur mit Worten überwinden?

Dann sucht mein Mund die Nähe deiner Hand,
Um endlich sich zur Ruhe dort zu legen,
Doch was er auf der langen Suche fand,
War immer meine Hand: ein schwacher Segen.

Zusammen wollen meine Hand, mein Mund
Auf deinem Arm, dem Pfad der Schönheit, gehen,
Zu dem verehrten, allzu sanften Rund,

In das dein Arm, der selbst so sanfte, mündet.
Wann aber soll, ja soll es denn geschehen?
Wo ist ein Zeichen, das es mir verkündet?

 


Dein Lachen

Dein Lachen spendet wie der Sonnenschein
Den dunklen Menschen Wärme, Licht und Segen;
Die Einsamen sind weniger allein,
Wenn sie in deiner Nähe sich bewegen.

Dein Lachen: der Beweis für eine Welt,
Die besser ist als die, in der wir leben,
Wo alle frei und gern und unverstellt
Von ihrem Glück den andern etwas geben.

Dein Lachen kann sich sogar bis in mein
Verborgenes und fernes Herz verlieren…
Dort lädt es dann mein Lachen zu sich ein.

Dein Lachen und mein Lachen: unser Lachen
Kann endlich uns zu glücklicheren Tieren
Und diese Welt zu einer andern machen.

 


Die Hure

Ich will nichts mehr von diesen Lügen hören,
Mit denen man sich in der Liebe plagt:
Gefühle sind es, die die Wahrheit stören,
Ich glaube nur noch, was die Hure sagt.

Die Hure wird zwar auch nur freundlich scheinen,
Doch weiß der Freier, dass sie freundlich scheint.
Er wird die Wahrheit nicht vor sich verneinen,
Und wenn sie lächelt, weiß er, was sie meint:

Sie meint das Geld, den Preis der Freundlichkeit,
Und wenn er zahlt, dann wird sie freundlich bleiben,
Bis er sie von der Freundlichkeit befreit.

Die beiden kennen ihre Schuldigkeit,
Versuchen nicht, sich Falsches zuzuschreiben,
Und retten so ein wenig wahre Zeit.

 


An eine Unbekannte

Sag, welche Göttin bist du?
Du musst ja eine sein!
Und welchen Mensch vermisst du:
Wer ist so schön und rein?

Sag, welchen Segen gibst du,
Wen machst du damit reich?
Und welchen Nektar liebst du?
Ich bringe ihn dir gleich!

 


Die Worte: gesprochen
Von Bangen umsäumt...
Der Bann: gebrochen!
Die Welt wie erträumt.

Die Schrift mit den Zeichen
Des Zweifels verblich,
Dämonen weichen...
Ich liebe – nur dich!

(S. R. gewidmet)

 


Du bist so traurig, dass ich weinen will,
Mit meinen Tränen deine Traurigkeiten
Solange fortzuschwemmen, bis dann still
Die helleren Gefühle zu dir gleiten.

Woher rührt dieses alte Unglück-Sein,
Das hinter jeder großen Schönheit schreitet?
Nie trifft man Aphrodite ganz allein,
Von dunkleren Gefühlen stets begleitet.

Hat Nemesis als ungerecht empfunden,
Dass eine Göttin alle überragt,
Und deshalb Hell und Dunkel so verbunden?

Wer weiß schon, ob nicht Zeus der Tochter grollte...
Ich weiß nur, dass du vor mir saßt: verzagt,
Ach und so traurig, dass ich weinen wollte!

 


Die Kirche des Lebens

In welchen Kirchen sprech ich mein Gebet,
In welchen Kirchen – gibt es denn noch welche?
Zwar gibt es Orte, wo ein Priester steht:
Dort warten Gläubige auf Brot und Kelche.

Doch wie sich diese Orte langsam leeren,
Wenn nicht Allah darin gepriesen wird!
Wer will sich noch mit Glaubenslast beschweren,
Wer folgt noch den Geboten unbeirrt,

Die den Gehorchenden so laut versprechen,
Dass ihnen nur das Paradies sich naht?
Und Gott kann sein Versprechen gar nicht brechen,

Da seine Engel erst den Toten singen...
In meiner Kirche soll Gebet und Tat
Den Lebenden die Frucht des Lebens bringen.

 


Wohnen, wo mildere
Menschen ihr Wesen treiben,
Jeder seines
Und alle zu einem vereint.

 


Mitten am Tag
Bin ich Nacht,
Mitten im Fluss
Bin ich Stein.
Wie sollte der Stillstand,
Wie sollte das Dunkel
Je enden?
Die anderen kennen
Mein Licht, meine Strömung,
Aber das Schwarze, das Schwere:
Mich
Kennen sie nicht.

 


Prometheus

Wir leben schon so lang mit den Maschinen,
So leicht und gern, dass keiner glauben kann,
Wir könnten noch den alten Zwecken dienen,
Mit denen unser Menschsein einst begann.

Doch halfen sie uns vor den Automaten,
Bewegten uns noch vor dem ersten Rad
Und können über Fortschritt mehr verraten
Denn jene große trotzerfüllte Tat

Prometheus', als er wieder Feuer brachte:
Titanentat, die wahnhaft und vermessen
Aus all uns Menschen scheinbar Götter machte...

Wir sind es nicht, der Schein des Feuers blendet!
Und lässt uns unsern ersten Zweck vergessen:
Dass unser Gutes nicht im Dunkel endet.

 


An die Sonne

Schönere Gebäude lass uns sein
In der Neige deiner Abendstrahlen!
Treffen sie auf unsern Mauern ein,
Leuchten auch wir grauen und wir kahlen

Bauten auf in einem milden Licht,
Das mit seinen rötlich warmen Tönen
Eine kurze Weile uns verspricht,
Uns mit unsrer Kahlheit zu versöhnen.

Bist du dann dieselbe stolze Sonne,
Die uns tags auf den Fassaden lag?
Grelles Licht ist den Palästen Wonne,

Uns bezeugt es unser graues Nichts.
Gäb es doch den ganzen langen Tag
Nur die Hoffnung deines Abendlichts!

 


Dizee

Du könntest jeden von uns zu dir führen,
Der du barmherzig und allmächtig heißt;
Du könntest – aber wenige verspüren
Noch einen ewigen, gerechten Geist.

Du würdest deine Schöpfung nie verlassen,
Die immer noch nach einem Segen strebt
Und danach, einen Schöpfer zu erfassen,
Von dessen Hand und Wort und Gunst sie lebt.

Du hättest Macht zu einem hellen Zeichen,
Das bis in unsre dunklen Herzen schimmert,
Damit die Zweifel ganz aus ihnen weichen.

Du wärst nicht eine ungenaue Kraft,
Die nur um einen Teil von uns bekümmert
Nur diesem schon auf Erden Glück verschafft.

 


An die Schülerinnen

Ihr Schüler: lernt! Doch glaubt nicht, je zu wissen,
Warum ihr eure schweren Bücher tragt.
Ihr müsst es sein: verstehend, klug, beflissen
Und hoffnungslos bei allem, was ihr fragt,

Dass einer käme und die Antwort hätte.
Denn keiner kommt: ihr bleibt auf euch gestellt
An jeder Schule, jeder Bildungsstätte
Und wenn man euch entlässt in diese Welt,

Wo alle Schüler sind und niemand weiß,
Wann seine Zeit des Lernens endlich endet.
Versuch und Irrtum bilden einen Kreis,

In dem sich alle immer wieder drehen,
In dem sich auch der beste Schüler wendet
In seinem blinden Eifer zu verstehen.

 


An den Park

Die seelenlosen Menschen füllst du wieder
Mit einer viel zu seltnen Seligkeit,
Das Niedere in ihnen hältst du nieder
Und ihre engen Sinne machst du weit.

Von seelenvollen Menschen ganz gestaltet,
Bleibst du ein wahrer Ausdruck der Natur;
Inmitten einer Welt, die sonst verwaltet
Vom Nutzen ist, gestattest du es nur,

Dass alle nutzlos werden, alle gleich
Vor deinen ziellos angelegten Wegen,
Vor deinem nur für sich geschaffnen Teich

Und vor den Vögeln, die ihr Lied verprassen.
Du spendest allen Menschen deinen Segen,
Die sich in deinen Tempel ziehen lassen.

 


Nur im Gedicht sind wir ganz
Flüchtiger Rede entflohen,
Formen Worte zum Tanz,
Traurige oft, doch die frohen

Reihen sich auch gerne ein
In diesen bleibenden Reigen,
Denn das Gedicht allein
Macht uns die Worte zu eigen.

 


Schnell sind, so schnell sind verloren
Blick und Vertrautheit und Kuss.
Wieder: vor fremden Toren,
Die jemand öffnen muss.

Bald, zu bald wird es dunkeln,
Niemand öffnet dann mehr.
Wenn erst die Sterne funkeln,
Wer ist da bei mir – wer?

 


Das Schöne

Ein formgewordnes Nichts
Kann Glücklich-Sein erklären,
Der Schein des trüben Lichts
Das Hässlichste verklären.

Ein kurzes Lächeln führt
Zu langen neuen Banden –
Woher das alles rührt,
Hat nie ein Mensch verstanden.

 


Es gibt die leichten Lügen,
Die eine zerfallende Welt
Scheinbar zusammenfügen,
Dass jeder glaubt: die hält.

Doch schwere Wahrheit brandet
An die zerfallende Welt;
Ist sie erst angelandet,
Muss jeder gestehn: die zerfällt.

 


Vergessen die Freuden, die Schmerzen –
Vergessenes war nie...
Verloren das Bangen, das Scherzen:
Verlorene Magie.

Und kehren die Bilder wieder,
Dann sind sie rätselhaft,
Erinnern an Kinderlieder:
Vertraut, doch ohne Kraft.

 


 Sisyphus

Schiebt den Stein:
Nur Beginn,
Kampf muss sein,
Nicht Gewinn.

Weil er muss,
Rollt der Stein;
Sisyphus
Muss es sein.

 


Licht

Blätter, Wolken: dichtgedrängt.
Doch der Lichtstrahl bricht
Sanft hindurch zur Welt und schenkt
Ihr sein warmes Licht,

Schenkt sein Licht nicht nur der Welt,
Die es nötig hat,
Nein, für unsern Blick verstellt,
Wolke auch und Blatt.

 


Die Wunde

So ist es wahr: selbst Lieben braucht Talent,
Und keiner darf mit Orpheus sich vergleichen;
Den meisten bleiben seine Lieder fremd,
Die ihre schalen Herzen nie erreichen.

Doch wonach richtet Amor seine Wahl,
Ein Menschliches mit Göttlichem zu segnen?
Warum lässt er so viele Herzen schal
Und seine Pfeile nicht auf alle regnen?

Ach leider fehlt dem halben Gott die Macht,
Mit seinem Pfeil in jedes Herz zu dringen,
Hat doch die Armut ihn zur Welt gebracht!

Empfindlichkeit ermöglicht erst den Schmerz,
Mit dem die Pfeile ihre Botschaft bringen:
Verwunden können sie – ein wundes Herz.

 


Das Bekenntnis

Umarmungen! ach wir verfallen gerne
Dem nächsten schönen unbekannten Arm,
Vergessen schnell des Lebens kalte Ferne,
Wenn wir den andern spüren: nah und warm.

Umarmungen! wer kann den andern kennen, 
Mit dem er seine knappe Wärme teilt,
Wer kann das Tröstende genau benennen,
Das ihn in fremden Armen oft ereilt?

Wir wissen: aus Umarmungen kommt Leben,
Wir glauben: wer umarmt, ist nicht allein,
Wir hoffen: dem Umarmten wird vergeben,

Wir müssen ohne andre Arme leiden,
Doch viele müssen ohne andre sein
Und können die Umarmten nur beneiden.

 


Weltsprachen

Lachen und helfende Hand verstehen sämtliche Völker;
Lüge und Vorurteil sind auch ihnen allen vertraut.

 


Wir fällen alle Bäume, die uns trösten,
Und ziehen fort, um heimatlos zu sein.
Das Leid ist unabwendbar, doch am größten
Ist dieses Leid: dass wir uns selbst entzwein.

 


Das Buch: sehr zweifelhaft. Zwar bringt es Licht,
Doch kann es auch in Dunkelheiten treiben,
Denn selbst ein helles, heiteres Gedicht
Wird nur ein Mensch, der leidet, niederschreiben.

Die Welt: oft unverständlich wie ein Buch
In einer fremden Sprache. Das Bestreben
Erweist sich als vergeblicher Versuch,
Der Liebende muss weiter einsam leben,

Der Denker hält den Widerspruch für wahr,
Den Helfenden macht seine Tat verbittert –
Das alles ist so unberechenbar!

Nur eine Tröstung weiß ich, die besteht:
Du lachst, und mein betäubtes Herz erzittert,
Bis meines Geistes Zweifelsucht vergeht.

 


Der Bettler

Er sitzt nur da. Er sitzt schon viele Jahre.
Ein Schild erklärt: kein Dach, ein kranker Bauch.
Dazu sein Alter – "weit noch bis zur Bahre?"
Er friert ein wenig, Winter ist es auch,

Und Leute ziehen scheu an ihm vorbei
Um einen Feinkostladen zu erreichen,
Doch trotz der Last der Warenschlepperei
Lässt sich so mancher durch das Schild erweichen.

So mancher lässt,  die meisten bleiben kalt.
Sie denken wohl: "Ich trage selber schwer,
Sie sitzt nur da, die störende Gestalt,

Wo andre sich für ihre Münzen plagen."
Sie fragen nicht: wo kommt sein Sitzen her?
Und steigen in den vorgewärmten Wagen.

 


Pornographie

Brüste, aus
Dem Zusammenhang gerissen, der
Erst die Lust
Zu jenem Guten macht,
An dem sich Mann
Und Frau
Und Mann
Vergehen.

 


Denke es nicht, dass Bettler nichts taugen –
Jetzt muss auch ich wegen Dir einer sein.
Wirf doch in meine bittenden Augen
Immer Dein blinkendes Lachen hinein!

 


Kriegsleiden

Als Caesar nach Gallien zog,
War das auch kein Krieg
Unter Gleichen, aber gewiss
Die Fortsetzung einer Politik,
Die sich nicht anders zu helfen wusste:
Notwehr! Die Barbaren sind immer selber schuld,
Wenn die Zivilisation sie einholt,
Zur Not mit Gewalt.
Das Recht spielt dabei ein Rolle:
Kriege sind immer gerecht.
Aber Rumsfeld muss heute leben
Mit asymmetrischer Frustration,
Und keine Erkenntnis hilft ihm,
Keine Gewalt und kein Recht.
Was bleibt: die Toten
Verlieren ihren Sinn,
Wenn man sich im fernen Amerika
Der Bedrohung bewusst wird,
Die von der eigenen Führung ausgeht.

 


Animal felix

Das Bett: die Stätte der Erkenntnis,
Hält in der stummen Zweisamkeit
Danach das wirkliche Verständnis
Des wortelosen Glücks bereit.

 


Wenn meine kalte Hand, von Lust getrieben,
Erst einen Finger deiner Hand erreicht,
Und, da die Hand an ihrem Platz geblieben,
Behutsam über ihren Rücken streicht;

Wenn sie, ein wenig hin und her gestrichen,
Sich weiter wagt: den Daumen überwindet,
Und sich, den weichen Ballen ganz umschlichen,
Im Innern deiner schönen Hand befindet;

Wenn sie, nach einem kurzen Innehalten,
Das letzte Stück des Weges noch vollendet,
Um langsam sich um deine Hand zu falten;

Wenn endlich sie in deiner Hand ausruht,
Die ihr von ihrer sanften Wärme spendet,
Dann füllt sich auch mein kaltes Herz mit Glut.

 


Wenn ich von Liebe höre, hört ein Blinder,
Ein Mensch, der außer Dunkelheit nichts kennt,
Vom Licht; doch lebt im Blinden denn nicht minder
Die Sehnsucht nach dem Licht, das ihm nur brennt?

Wenn ich die Liebe sehe, sieht ein Stummer,
Ein Mensch, der mit dem Mund an Mauern stößt,
Gespräch; wünscht nicht der Stumme auch, sein Kummer
Sei im berauschten Zwiegespräch gelöst?

Wenn ich von Liebe spreche, spricht ein Tauber,
Ein Mensch, der tiefster Stille nie entwich,
Vom Klang; macht nicht den Tauben selbst der Zauber

Von leis erklungnen Koseworten hoffen?
Doch spreche, höre, sehe ich dann dich
Sind Mund und Ohr und Auge plötzlich offen!

 


War es ein kleines, missverstandnes Wort,
Was unser Wiederseh'n verhinderte?
War ich zur falschen Zeit – am falschen Ort,
Und ohne Nummer, die das Unglück hinderte?

Wär's da nicht besser, du wärst nie gewesen
Zur falschen Zeit – am falschen Ort: wie ich
Und hättest nicht in deinem Hirn gelesen,
Ob die Erinn'rung dem Gesagten glich?

Um zwei... um drei? Dahinter... doch davor?...
Wenn du tatsächlich niemals kommen wolltest,
Ist es ein Teil von mir, den ich verlor;

Doch wenn zur falschen Zeit – am falschen Ort
Du so wie ich gewartet haben solltest,
Verlier ich nur den Glauben an das Wort.

 


Kindheit

Am Grunde unsres Herzens sind wir Kinder,
Denn was wir einst gewesen, übersteht
Den langen Weg der Wirklichkeit nicht minder
Als eine Hoffnung, die nie ganz vergeht.

Nie ganz vergeht, wie unsre Mutter grollte,
Als wir zu lügen einmal nur gewagt,
Nie ganz, was unser Lehrer von uns wollte,
Und wie der Schüler sich dem Wunsch versagt.

Nie ganz vergeht das Glück der Nachmittage,
Die wir verspielt, als wären wir allein
Auf dieser Welt und ohne jede Klage,

Ja nie vergeht der alte Wunsch des Kindes,
Von allen fremden Willen frei zu sein:
Die Freiheit wilder Tiere und des Windes.

 


Christe eleison

Dritte Seele Nächstenliebe:
Nur aus Mitleid andre stützen.
Stärker als durch Geist und Triebe
Wird durch sie ein Mensch vernützen, 

Wird sich von der Welt entleben
Wie es der Erlöser wies,
Der in seinem Seelenstreben
Schließlich ganz die Welt verließ.

 


Universität

Schatten füllt die Eschenrunde
In das Eck von hellen Steinen,
Eine Straße schafft die Wunde,
Die zwei Brunnen still beweinen.

Dort von Ihres Strebens Schwere
Ruhen aus die ernsten Kinder,
Dass die bittre Wissenslehre
Leben, Schönheit, Liebe linder.

 


Jugendleiter

Waren nicht die Freizeittage
Eine fasslichere Welt?
Kinderblick und Kinderfrage
Sind direkt und unverstellt.

Schmugglerspiel, Stationenlauf
Nährten Schlauheit, Mut, Gefühle,
Viele Kinder lebten auf,
Wurden menschlicher im Spiele.

Selbst die Dinge, die sonst plagen:
Misserfolg, Verdruss und Streit,
Lösten sich in diesen Tagen
Auf in leichte Kinderzeit.

Und was waren wir? Die Leiter?
Es zu sein, war unser Ziel –
Doch ging unser Leiten weiter
Als es einem Kind gefiel?

(R.W. gewidmet)

 


Später Herbst

Die Sonne hat sich abgewendet.
Ein Blatt sinkt, zögernd, durch den Wind
Zur Erde, wo sein Leben endet
Und später alle Blätter sind.

Am Himmel, dessen lichtes Blau
Sonst dumpfe Sinne wieder weitet,
Hat sich der Wolken dichtes Grau,
Die Welt verengend, ausgebreitet.

Wie dunkel da Gedanken werden!
Auch keiner Mädchen leichtes Kleid
Befreit den Blick von den Beschwerden

Der trüben halbverfallnen Stunden,
Und Kälte macht sich schon bereit
Die weiten Lungen zu erkunden.

 


So muss es immer bei der Sehnsucht bleiben,
Da durch Erfüllung jeder Wunsch verliert,
Un
d jedes Ferne, dem wir nähertreiben,
Ein neues Unerreichtes uns gebiert.

 


Aias

Ein Held
Ist er gewesen.
Er hat gekämpft,
Den Feind besiegt.

Der falsche Feind!
Der falsche Kampf!
Ein Held ist er
Gewesen.



Amor

Lebt versteckt im Ungefähren
In des Schwärmens trübem Glanz,
Ob er da und zu verehren
Ist, weiß keiner jemals ganz.

Möchte einer dennoch Klarheit,
Will er Amor fassen, sehn,
Bleibt er im Besitz der Wahrheit
Unverliebt und einsam stehn.

 


Helena 

Eng des Menschen Herz, das seine
Liebe nur der Schönen gibt,
Statt das Gute, Kluge, Reine
Augen, Lippen, Brüste liebt.

Schwach des Menschen Herz, das seine
Schläge jeder Schönen schenkt,
Einer nähernd sich "Die Eine",
Jedesmal "Die Eine" drängt.

 


Im Wind

In der rauschenden Wiege des Winds
Bitten die bunten Blätter zum Tanze;
Blätter: gefallene... tote sind's –
Wirklich, ein Totentanz ist das Ganze!

Auch einen Menschen kann diese Wiege
Wieder zu neuem Leben erwecken:
Selbst wenn ich leblos am Boden liege,
Darf ich die Tanzlust wieder entdecken!

 


Hölderlin

Das Mitleid kennen Denkende nicht: nur was
Vor der Vernunft, der engen, besteht,
Verdient in ihren Augen Gnade; ihnen
Fremd ist die Wahrheit des weiten Herzens.

 


Goethe und der Junge

Jener stand noch mit achtzig staunend vor einem Baume,
Diesem ist schon mit acht jede Verwunderung fremd.

 


Benn

Der geistige Kampf: der große,
Aus dessen Siegen die Welt,
Aus dessen fruchtbarem Schoße
Der Mensch das Leben erhält.

 


Brecht

Denkende sagen: Denken ist Handeln, und denken und denken;
Handelnde denken nicht, wissend: der Handelnde denkt.

 


Hesse

Die Wirklichkeit: die Macht, der Tod, das Böse,
Die Technik, die Gesetze und das Geld –
Glaubst du, zu sagen: das ist nicht, erlöse
Dich von der Unbegreiflichkeit der Welt?

 


Rilke

Ich wollte, ich würde sie nützen,
Die Zeit, die verlorene:
Das Gute der Welt unterstützen
Mit Kräften, verbleibenden.
Doch bin ich es selbst oder sind
Alle Dinge verschworene?
Denn ohne Verändrung verrinnen
Die Tage damit, die treibenden,
Peinenden Träume zu sinnen.

 


Dichter

Alles mahnt Bescheidenheit:
Vernunft, Geschichte, Leben;
Alles mahnt, zu keiner Zeit
Nach Höherem zu streben.

Was nur lässt ihn dennoch weiter
Fordern: Mensch sei groß!
So muss es sein, es ist ein weiter
Sinn des Dichters Los.

 


Isar

Strömend durch die Isarauen,
Hingelagert in den Weiten
Männer, Knaben – Mädchen, Frauen:
Gruppen, Zweisam-, Einsamkeiten.

Ungewollte Einsamkeiten
Streben nach Vereinigung,
Lassen sich von Lüsten leiten,
Suchen die Erwiderung.

Auf der Suche: welche Zeit!
Wer kann diesen Kampf beschreiben?
Findet einer Zweisamkeit,
Müssen andre einsam bleiben.

 


Altmarxist

Sich verändert, dann vergebens
Immergleiche Welt verhandelt
Und die Wirklichkeit des Lebens
In Gedanken umgewandelt.

"Diese Welt: sie will nicht denken,
Diese Welt: sie will nicht lernen,
Zieht es vor, sich abzulenken,
Statt das Übel zu entfernen.

Wie ein Sklavesein bestimmt
Ihre Existenz ihr Denken,
Kaum ein Einzelner entrinnt
Der Galeere Ruderbänken..." –

Die Kritik kennt keine Schranken,
Keiner Wirklichkeit Gebot,
Fasst es nicht, dass die Gedanken
Sind nur Denkern Welt und Brot.

 


Der Schiffbrüchige

Natur war schuld: ein Berg aus Eis,
Der meinem Schiff zu dunkler Stunde
So riesenhaft und doch so leis
Begegnete und riss die Wunde,

Die langsam ließ das Schiff verbluten,
Bis es im kalten Meer verschwand…
Und weit erstrecken sich die Fluten,
Und fern liegt alles feste Land.

Wie viele Kameraden tot!
Auch mir vergeht das Augenlicht! –
So blicke ich aus meiner Not
In dein errettendes Gesicht.